Resilienz und Nachhaltigkeit der Agrar- und Ernährungssysteme

Im Folgenden finden Sie Hintergrundinformationen zu den beiden Keynotes zu dieser Tagung
die am 22./23. Oktober 2026 an der Humboldt-Universität zu Berlin stattgefunden hat

Notstand auf dem Prüfstand: Die „Aktion Eichhörnchen“ 1957 – 1965, Uwe Spiekermann 

Die Präsentation zum Vortrag finde Sie hier zum Download

Nationale Aufklärung, Krisenvorsorge und Resilienz in der Ernährungsversorgung: Das Beispiel Japan Keynote Speech, Stephanie Assmann (University of Hyogo, Kobe, Japan)

 

 

Notstand auf dem Prüfstand: Die „Aktion Eichhörnchen“ 1957 – 1965, Uwe Spiekermann

In Zeiten allseits beschworener multipler Krisen wird Resilienz zur Tugend, prägt die Debatten in Politik und angewandter Wissenschaft. Es gilt gegenzuhalten, durch innere Stählung, durch Sicherung der kritischen Infrastruktur, durch Vorsorge im häuslichen Kreis. All das scheint wohlbegründet, ist jedoch zugleich getragen von angesammelten Vergesslichkeit, von einer die Gegenwart kennzeichnende Geschichtsvergessenheit.

Dies unterstreichen die Erfahrungen der während des Kalten Krieges und nach dem Mauerbau von 1961 bis 1965 propagierten „Aktion Eichhörnchen“. Angesichts der hybriden Übergriffe und überlegenen Landstreitkräfte des Warschauer Paktes sollte die Bevölkerung freiwillig Notfallvorräte für mehrere Wochen anlegen, dergestalt die eingelagerten Lebensmittel des Bundesernährungsministeriums dezentral ergänzen. „Denke daran – schaff Vorrat an“ hieß es allerorten – doch das Volk, der „böse Lümmel“ ließ die teuren Anstrengungen recht folgenlos verpuffen. Welt- und Nachkriegsgestählt misstraute die Mehrzahl der Hausfrauen den Prognosen und Versprechungen von Politikern und Experten. Angesichts (zu) kleiner Wohnungen und nicht unbeträchtlicher Kosten setzte frau auf die Rationalität der Abschreckung, war sich zudem gewahr, dass im Atomkrieg Notfallvorsorge nahezu belanglos sein würde. Es ist zu hoffen, dass derartiges historisches Wissen helfen kann, die vielfach ähnlich ausgerichteten Resilienz-Kampagnen der heutigen Zeit mit neuen Realismus zu versehen.

Nationale Aufklärung, Krisenvorsorge und Resilienz in der Ernährungsversorgung: Das Beispiel Japan, Stephanie Assmann 

Japan ist international bekannt für eine hohe Lebenserwartung, eine flächendeckende und exzellente medizinische Versorgung sowie ein qualitativ hochwertiges Schulspeisungsprogramm. Dennoch erforderten die hohe Abhängigkeit von Lebensmittelimporten, ein signifikanter Rückgang der Agrarproduktion sowie zahlreiche Lebensmittelskandale ein Umdenken in der Lebensmittelversorgung. Ziel eines landesweiten Rahmengesetzes zur Ernährungserziehung erlassen von der Regierung im Jahr 2005, ist die Verbesserung der Lebensmittelsicherheit durch einen gezielten Fokus auf eine Stärkung der regionalen Agrarproduktion und eine Transformation individueller Ernährungsgewohnheiten, die – bedingt durch die Hektik des Arbeitsalltags – den Verzehr von Fertiggerichten begünstigen. Eine umstrittene Besonderheit der japanischen Kampagne ist eine hohe Kopplung von Ernährung an nationale Identität, die in einen Fokus auf nationale Küche, regionale Agrarproduktion sowie eine Retraditionalisierung von Geschlechterrollen mündete. Eine weitere Zielsetzung der Kampagne ist die Resilienzförderung in ländlichen Gebieten, die durch Alterung und Bevölkerungsrückgang zunehmend marginalisiert werden.

Seit der Erlassung des Rahmengesetzes zur Ernährungserziehung haben zwei Katastrophen Anpassungen an die individuelle und institutionelle Lebensmittelversorgung erfordert: die Dreifachkatastrophe des Erdbebens, Tsunami und Nuklearunglücks in Fukushima im Jahr 2011 und die globale COVID-19 Pandemie. Neben Evakuierungen stellten Anpassungen der Lebensmittelsicherheitsstandards unmittelbar nach der Dreifachkatastrophe Maßnahmen dar, um die Lebensmittelsicherheit zu gewährleisten. Jedoch offenbarten eine hohe Intransparenz der Krisenkommunikation und die Forderung, LandwirtInnen in den Katastrophengebieten durch einen gezielten Konsum von Agrarprodukten zu unterstützen, die Schwachstellen der Regierungskampagne. Während der Pandemie führte eine schnelle Rückkehr zu der auf Gemeinschaft ausgerichteten Schulspeisung zu Maßnahmen wie dem „Schweigen während des Essens“ (mokushoku). Dieser Vortrag geht der Frage nach, inwieweit eine gezielte Aufklärung in der Ernährung ein wirksames Mittel zur Resilienzförderung bildet und welche Problemfelder bei der Umsetzung der Ernährungserziehungsinitiative in Krisensituationen zutage getreten sind.

 

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